Verlust und Entführung eines Stoffbären

Wir haben ein Familienmitglied verloren. Der Nicibär unseres Sohnes ist weg. Er ist  im Naturhistorischen Museum verschwunden. Jetzt könnte man sagen, er ist zu seinen Freunden gegangen (die ja auch “stuffed animals” sind) etc., aber das Problem und die Fragestellung; das, worauf ich eigentlich hinaus will, dies geht über den Trost eines vierjährigen Kindes hinaus. Denn jemand muß ihn mitgenommen haben - und das gibt mir zu denken, wie es auch immer gewesen sein mag. Doch nun zur Chronologie der Ereignisse:Am Samstag waren wir mit unserem Sohn im Naturhistorischen Museum in Wien. Das absolute Lieblingstier durfte mit; ein 20cm großer Bär, seit viereinhalb Jahren im verschärften Dienst bei uns tätig - entsprechend auch sein Aussehen - trotz mehrerer Kuraufenthalte in der Waschmaschine. Doch es geschah das Unvorstellbare - Nicibär ist verschwunden!    

Beim Essen war er schon nicht mehr da - ein sofortiges Absuchen des gesamten Museums (zum Glück waren wir nicht in allen Sälen) folgte: doch er blieb verschwunden. Eine Nachfrage an der Garderobe, an der Kassa, der Information - blieben erfolglos. Die Dame die Abenddienst hatte bekam unsere Telephonnummer - falls der Bär dem Reinigungspersonal nach der Schließung des Museums in die Hände fallen sollte. Sie hat uns auch angerufen, doch leider mit einer traurigen Mitteilung: Nici ist weg! Wir haben noch eine Woche lang beim Museum angerufen - doch es blieb dabei.

An dem Tag waren viele Besucher im Museum - Kinder, Jugendliche, Studenten, Erwachsene … und es liegt die Vermutung nahe, daß irgendeiner dieser Personen Nicibär mitgenommen hat. Und jetzt bin ich beim eigentlichen Thema: Wer nimmt einen kleinen Stoffbären, der offensichtlich einem Kind gehört, mit nachhause?

Die erträglichste Version: ein anderes Kind. Das hat vielleicht noch nicht soviel Einfühlungsvermögen um zu verstehen, daß nun ein Anderer traurig ist. Dieser Bär ist ein glücklicher Fund, ein Geschenk. Doch jedes Kind, welches ins Museum geht, hat Eltern oder Erziehungsberechtigte - also, so sollte man meinen, denkende und verantworungsvolle Erwachsene an seiner Seite.

Wann und wo ich auch immer bemerken würde, daß mein Kind ein fremdes Stofftier bei sich hat, ich könnte es nicht erlauben, daß es behalten wird. Weil ich an das andere Kind denke. Gesetzt den Fall, mein Sohn vermag es, diesen Fund vor mir zu verbergen bis wir zuhause sind - auch dann würde ich versuchen, das Tier wieder seinem Eigentümer zukommen zu lassen. Da sind wir nun schon bei der, für mich, unverständlicheren Version: Die Erwachsenen erlauben ihrem Kind den Bären zu behalten.

Ja, das mag viele Tränen bedeuten. Und vielleicht kann ich auch mein Kind nicht weinen sehen, und es mangelt  an Vorstellungsvermögen, mich in die Trauer der Anderen hineinzuvesetzen. Und doch ist es nicht richtig. Es ist falsch, mein Kind in dem Glauben zu erziehen, daß man alles was man findet behalten darf. Und es ist auch ein Versäumnis, wenn ich sie nicht zu dem Gedanken führe, daß nun ein anderes Kind viel unglücklicher ist, weil es seinen liebsten Freund verloren hat. Empathie - Einfühlungsvermögen, ist eine der wichtigsten Eigenschaften und Anlagen die man jungen Menschen mitgeben sollte.

Nun zu den Größeren - den größeren Übeln: Ein Erwachsener hat den Nicibären als Trophäe in sein Heim geschleppt. Das ist sicher ein Spaß: “hey, schau mal was ich im Naturhistorischen Museum gefunden habe - witzig, nicht?” - “Ja, ein Bär, cool” - “Toll!” - “Ja, leg ihn auf das Regal, das ist süß” - “Ok, echt süß.”  Und dann verstaubt der Bär im Regal der WG/Wohnung, was auch immer.

Was mich an diesen Gedanken so stört, sind die Frage die sich dabei aufwerfen: Denken die Leute nicht? Wo ist unsere Phantasie? Können wir uns nicht mehr in kleine Kinder hineinversetzen?

Ich bin versucht das starke Wort “Verrohung” zu gebrauchen. Sie offenbart sich recht deutlich in diesem kleinen, harmlosen, alltäglichen Beispiel. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns vorzustellen, was in einem Kind vorgehen mag, wenn es seinen Stoffbären verliert, dann ist der Weg zur Abstumpfung und Roheit unserer Gefühle nicht mehr weit.

“Die Seele ist ein weites Land” heißt es bei Schnitzler. Dieses Land wird kleiner, es verödet. Das ist meine Befürchtung. Und wem es eigenartig vorkommen mag, dies an Hand des Verlustes von einem Stoffbären zu diagnostizieren, der sollte das Kind in sich wiederentdecken. Vielleicht entwickeln wir so wieder etwas mehr Phantsie, etwas mehr Einfühlungsvermögen für unsere Mitmenschen. Wir in Mitteleuropa können es uns schwer vorstellen wie es ist, in dauernder Lebensgefahr zu schweben, nur weil ein Regime oder eine Terrorgruppierung es so will. Es ist auch nicht zulässig, den Verlust meines Sohnes mit den Ängsten und Verlusten von Kindern in lebensbedrohenden, tatsächlich traumatisierenden Ereignissen zu vergleichen. Doch es ist erlaubt für mehr Empathie, Sympathie und Phantasie zu werben. Sei es auch nur mit diesem alltäglichen Beispiel. Denn das Alltägliche können wir verstehen. Vieles ist für uns in dieser Welt nicht fassbar, nicht erträglich - doch wir sollten uns für die kleinen Dinge wieder sensibilisieren - denn nur so ist Großes möglich.

Wie es auch sei, Nicibär ist in die falschen Hände geraten. Doch die Geschichte hat ein gutes Ende: beim zeitgemäßen Trödler ums Eck - ebay - haben wir einen anderen Nicibären gefunden. Sei es seine Reinkarnation, sein Bruder, wie auch immer - mein Sohn hat ihn akzeptiert. Er hat seinen Nicibären wieder. Und dieses Lächeln und Strahlen eines Kindes, das ist durch nichts zu ersetzen - überall auf der Welt.

2 Kommentare zu “Verlust und Entführung eines Stoffbären”

  1. Biene meint:

    Hin und weg. Super Blog geniale Themen. Weiter so. Liebe Grueße.

  2. Katharina aus Wien meint:

    Hallo du…

    ich weiß nicht ob du das jemals wieder lesen wirst, und ob du nach mehr als einem jahr hier noch mals zurück findest…

    meine 6jährige tochter hat heute im kindergarten ihren stoffbären vergessen. dieser begleitet sie nun schon ihr ganzen leben, und als sie heute abend bemerkte, dass der bär nicht da ist, war die trauer natürlich groß.

    für manche menschen ist es unvorstellbar, was es für ein kleines kind bedeutet, etwas so derartig wichtiges los zu lassen.
    ich kann mich in sie versetzen, denn ich habe seit meiner kindheit eine maus, welche mich immer begleitet hat.

    als ich sie nun völlig verzweifelt und hilflos sah, und bei ihr blieb bis sie schlief, find mein hirn wieder an zu routieren.

    vor 4 jahren, sie war mit ihrem papa im messe zentrum, war “der bär”, wie sonst auch immer bei ihr.

    als sie am abend nachhause kamen, war sie völlig aufgelöst, der bär war weg. er wurde ganz einfach aus ihrem kinderwagen genommen.

    es folgten stunden und tage voller telefonanrufe, beim fundamt, beim messe zentrum… zwecklos, der bär war und blieb verschwunden.

    wir sind dann einige zeit dananch zu einem spielzeuggeschäft gefahren, haben den selben bären wieder entdeckt.

    ich habe mich hinter einem kasterl versteckt, so das sie nur den bären sehen konnte. und da kam mein 2jähriges mädchen auf den bären zugelaufen und rief, “endlich hab ich dich wiedergefunden, ich hab gewusst das du mich nicht allein lässt” und das von einem zwei jährigen mädchen.

    ich hab bis heute schuldgefühle, wenn ich daran denke, dass es eine lüge war.

    mittlerweile ist “der bär” “der bär” und begleitet sie nun länger als der vorige.

    als ich sie heute so traurig vor mir sah, kamen mir genau wieder dieselben gedanken…wer tut so etwas?!

    ein kind?? eben so wie du sagst, da sind eltern dabei!
    ein größeres kind, welches schon allein gehen darf? selbst für diesen unwahrscheinlichen gedanken, auch hier wären irgendwo mal eltern oder so…
    irgendein grausiger mensch, welcher dann…. diesen gedanken möchte ich gar nicht weiter denken…

    ich habe heute beschlossen einmal im google “stoffbär gefunden” einzugeben, vielleicht hab ich ja irgendwo noch nicht gesucht?!?!

    und so bin ich auf deine seite gestossen, zuerst: ein wirklich super verfasster text, und sehr gute gedanken gänge, hätte mir nicht gedacht jemanden zu finden dem das gleiche passiert ist, und das selbe denkt.

    was für ein mensch tut so etwas… wie kann man einem kind das wichtigste nehmen was es hat?!

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