Artikel für das Programmheft meiner ersten Inszenierung
Seitenwechsel
Ein Theaterstück braucht keine Einführung.
Die Aufführung muss genügen. (…)
Ein Stück ist nicht erklärbar. Man muss es spielen.
Es ist kein Unterricht, sondern ein lebendiges Schauspiel.
Es ist eine lebendige Wahrheit.
(Ionesco)
Ich bin Schauspieler. Habe ich jetzt die Seite gewechselt?
Bei den Proben stehe ich nicht mehr auf der Bühne, sondern sitze hinter einem Tisch mit Lampe, Stift und Büchern. Ich darf meine Kollegen beobachten, sie anleiten, unterstützen und zu dem führen, was ich als mein Konzept erkannt habe. Ich muß „das Ganze“ im Auge behalten, trotzdem jede kleinste Regung von den Schauspielern aufnehmen und diese mit ihnen zu einem wunderbaren Moment in einer Theateraufführung entwickeln. Ich bin nicht mehr nur für eine Figur verantwortlich – sondern für das ganze Stück. Und ich hab es mir auch noch selbst ausgesucht.
Ich bin Regisseur geworden. Wie kommt das?
Vor dem Angebot Regie führen zu dürfen, war ein Wunsch, ein Gefühl, das sich allmählich entwickeln musste. Durch einige Jahre auf der Bühne kamen die Erfahrung und das Wissen um die Talente und Fähigkeiten dazu, die ein Regisseur haben sollte. Entweder weil man die Freude hatte mit ihnen zu arbeiten, sich mit ihnen entwickeln durfte – oder weil man sie in manchen Inszenierungen so sehr vermisste – diese Fähigkeiten eines wirklichen Regisseurs.
Dann gibt es Stücke, die einem ans Herz wachsen – und eine Idee entwickelt sich zu einem Konzept.
„DIE NASHÖRNER“ von Eugène Ionesco zähle ich schon lange zu meinen Lieblingsstücken. Behringers Schlussmonolog habe ich bei mehreren Vorsprechen gespielt – ich glaube sogar, er hat mir einmal zu einem Engagement verholfen. Eine Aufführung des Stücks habe ich gesehen, und obwohl sie mir gefallen hat, waren meine Vorstellungen davon doch ganz andere: der Beginn des eigenen Konzepts. Als ich mich dann im Theater SPIELRAUM als Schauspieler immer wieder mit dem großen Überthema des hauseigenen Spielplans, nämlich der Auswirkungen von Macht auf das Individuum, auseinandergesetzt habe, (in DER PARASIT, DER STURM, SCHÖNE NEUE WELT) war der Sprung auf „DIE NASHÖRNER“ kein allzu weiter.
„Ein Nashorn bezeichnet den Menschen mit gängigen Ansichten.“ (Ionesco)
„Absurdes Theater“ wird heute neu entdeckt. Mag der Begriff noch vor wenigen Jahren irritierend und altmodisch gewirkt haben: Mich haben das Spielpotential und die Freiheit, die in der Spielform des Absurden liegen, schon immer für Ionesco eingenommen. Er schenkt uns wunderbare Spielsituationen – dankbar für jeden Schauspieler und herrlich für jeden Regisseur, der sich auf ihre Spur begibt – und fordert dadurch eine Wieder-Entdeckung für die Bühne geradezu heraus.
„Schließlich bin ich für den Klassizismus. Das ist avantgardistisch. Vergessene, unveränderliche Archetypen zu entdecken und neu auszudrücken. Jeder wirkliche Schöpfer ist klassisch (…). Der Kleinbürger ist einer, der das Archetypische vergessen hat und sich im Stereotypen verliert. Das Archetypische ist immer jung. (Ionesco)
Es ist der Wunsch, nicht selbst denken zu müssen – die Verantwortung dafür ablegen zu wollen - der für Modeströmungen ebenso wie für potentiell gefährliche Ideologien empfänglich macht. Der Mensch wird zu einem nicht reflektierenden Empfänger. Wenn Individualität und die Fähigkeit, selbständig zu denken, erlöschen, ist das Mensch-Sein in Gefahr und der Boden für radikale Verrohung bereitet.
Die Ent-Individualisierung, das Zusammenfinden in einen Körper – also zu einer Masse - ist ein menschliches Phänomen – ein gegenwärtiges und ein historisches. Ionesco hatte die aktuellen Konflikte seiner Zeit zum Anlass genommen, die Erzählung und schließlich das Stück zu schreiben. Heute sind ähnliche Strömungen und Impulse wahrzunehmen – sie haben nur ganz andere, oft schwer zu entschlüsselnde Gesichter. In meiner Inszenierung habe ich eine abstrahierte, sprachkonzentrierte Form gewählt, um dem Zuschauer ein Angebot für eigene Projektionen zu machen. Platon forderte den Philosophen als Staatsmann – also den, der die Weisheit liebt. In diesem Sinne wünsche ich mir ein Theater für Menschen, die der Weisheit Freund sind und sie anhand einer Aufführung, anhand einer Parabel, selbsttätig zu suchen gewillt sind.
„Weil der Künstler in unmittelbarer Intuition das Sein erfasst, ist er in diesem Sinne ein echter Philosoph.“ (Ionesco)
Durch die Augen des Dichters in die Gegenwart zu blicken.
Ein Anliegen finden und vertreten, es zu dem der Schauspieler und auch vielleicht des Publikums machen zu können – das ist die Verantwortung des Regisseurs.
Ich habe sie gerne und dankbar angenommen. Die Seiten habe ich nicht gewechselt – ich erzähle wieder eine Geschichte – nur aus einem anderen Blickwinkel, mit anderen Werkzeugen ausgerüstet, auf eine andere Art.
(Diesen Artikel habe ich für das Programmheft meiner ersten Inszenierung geschrieben - Programmhefte werden selten gelesen, also möchte ich ihn gerne auf diese Art verbreiten…)